Editio Domini · MMXXVI

TÜMPEL

Magazin für Gartenbiologie, Teich und Feuchtgebiet


← Heft 09. Mai 2026
Amphibien · 11min

Die Erdkrötenwanderung — Phänologie, Verhalten und der Krötenzaun

Wenn die Bodentemperatur fünf Grad erreicht und der erste warme Regen fällt, setzt eine der ältesten Bewegungen Mitteleuropas ein. Eine Reportage von den Wanderwegen der Bufo bufo, mit Zaunpraxis und Daten einer Saison.

Erdkröte im Profil auf feuchtem Laub, viktorianische Naturkunde-Tafel in antikem Druck
— Erdkröte im Profil auf feuchtem Laub, viktorianische Naturkunde-Tafel in antikem Druck —

Es gibt Bewegungen in der mitteleuropäischen Natur, die so alt sind, dass sie längst vor unserer Idee von Strecke, Ziel oder Wanderung lagen. Die Erdkrötenwanderung gehört dazu. Wenn im Spätwinter die Bodentemperatur in zehn Zentimeter Tiefe drei Tage hintereinander über fünf Grad bleibt, wenn anschließend in der Nacht ein leichter Regen einsetzt und das Thermometer nicht unter drei Grad fällt, dann verlassen die Erdkröten (Bufo bufo) ihre Winterquartiere im Wald, in Hecken, unter Holzhaufen — und gehen los.

Sie gehen nicht weit. Selten weiter als zwei Kilometer, oft nur dreihundert Meter. Sie gehen aber gerichtet, geradlinig auf jenes Laichgewässer zu, in dem sie selbst als Kaulquappen geschlüpft sind. Und sie gehen oft in Mengen — an einem guten Wanderabend in einem süddeutschen Mischwald-Gewässer können hundert, zweihundert, in extremen Lagen vierhundert Tiere binnen weniger Stunden in Bewegung sein.

Wer einmal an einem solchen Abend mit der Stirnlampe an einem Wanderweg gestanden hat, vergisst es nicht. Der Boden bewegt sich. Nicht in Wellen, sondern in einzelnen, langsam vorrückenden braunen Punkten, die mit der Hartnäckigkeit eines Uhrwerks ihrem Ziel entgegen kriechen. Das ist keine Metapher. Es ist das, was passiert.

Phänologie — die Auslöser

Was löst die Wanderung aus? Die Forschung der vergangenen vierzig Jahre — namentlich die Arbeiten von Sinsch, Heusser, Reading — hat eine Trias von Bedingungen herausgearbeitet, die zusammen erfüllt sein müssen.

Erstens, die Bodentemperatur. Erdkröten überwintern in frostfreien Hohlräumen, oft fünfzig Zentimeter tief. Solange die Bodentemperatur unter fünf Grad bleibt, sind sie in Starre. Sobald sie drei Tage hintereinander über fünf, besser sieben Grad steigt, beginnt die innere Aktivierung. Das ist je nach Region und Jahr zwischen Mitte Februar und Anfang April der Fall — in einem milden Jahr wie 2026 in der Vorbergzone des Schwarzwalds bereits in der zweiten Februarwoche.

Zweitens, die Niederschlagsfeuchte. Erdkröten haben eine permeable Haut. Sie verdunsten Wasser passiv, und auf der Trockenwanderung können sie binnen weniger Stunden so viel verlieren, dass sie nicht mehr beweglich sind. Deshalb wandern sie nur bei feuchter Luft — am liebsten bei leichtem Nieselregen, niemals bei trockenem Frostwetter, kaum bei starkem Wind.

Drittens, die Tageszeit. Die Wanderung beginnt in der Dämmerung und erreicht ihre Spitze zwischen einundzwanzig und vierundzwanzig Uhr. Tagsüber sieht man fast nichts. Das hat einen einfachen Grund: Tagsüber sind die Räuber:innen aktiv — Krähen, Greifvögel, Füchse —, und eine kriechende Kröte am Boden ist ein einfaches Ziel. Die Nacht ist ein Schutzraum.

Die Wanderung dauert in einer guten Saison etwa vier Wochen. In einer schlechten — kalten, trockenen, mit häufigen Unterbrechungen — zieht sie sich bis zu acht Wochen hin. In jedem Fall gilt die Faustregel: Sechzig Prozent der Tiere wandern in zwanzig Prozent der Nächte. Es gibt einzelne Spitzennächte, die alles entscheiden.

Daten einer Saison

Um diesen Bericht konkret zu halten: In der Saison 2026 betreute ein Krötenzaun-Team an einem Waldtümpel im Schwäbisch-Fränkischen Wald eine Strecke von vierhundertzwanzig Metern. Erste Sichtung: 12. März. Letzte Sichtung: 14. April. Gesamtzahl der erfassten wandernden Tiere: 1.247.

Aufgegliedert nach Wochen ergab sich folgendes Bild:

  • Woche 1 (12.–18. März): 42 Tiere. Erste Vorhut, vor allem Männchen.
  • Woche 2 (19.–25. März): 198 Tiere. Erste Massenwanderung, eine einzige Nacht (22. März, leichter Regen, sieben Grad) brachte 142 Tiere.
  • Woche 3 (26. März–1. April): 561 Tiere. Hauptwanderung, drei Nächte über hundert Tieren, einmal zweihundertvierzehn.
  • Woche 4 (2.–8. April): 312 Tiere. Hauptsächlich Weibchen, oft schon mit Männchen auf dem Rücken (siehe unten).
  • Woche 5 (9.–14. April): 134 Tiere. Nachzügler:innen, viele unpaarig.

Geschlechterverhältnis: 2,8 Männchen pro Weibchen, sehr typisch für Bufo bufo. Mortalität: drei tote Tiere, alle in den ersten beiden Wochen, vor vollständiger Zaun-Installation.

Männchen-Reiten und der Wanderpaarmechanismus

Eine der Beobachtungen, die man am Krötenzaun macht, ist das Reiten: Männchen, die auf dem Rücken eines Weibchens sitzen und sich von ihm tragen lassen. Das ist nicht Schmarotzertum. Es ist ein evolutionärer Mechanismus, der bei Erdkröten besonders ausgeprägt ist, weil das Geschlechterverhältnis deutlich männerlastig ist und die Konkurrenz am Laichplatz hoch.

Ein Männchen, das ein Weibchen schon auf dem Weg zum Wasser besteigt — und mit den vorderen Gliedmaßen unter den Achseln festklammert, der sogenannte Amplexus axillaris —, sichert sich die Vaterschaft, bevor andere Männchen ihm überhaupt das Feld streitig machen können. Am Laichgewässer kommt es regelmäßig zu Kämpfen, bei denen mehrere Männchen gleichzeitig auf einem Weibchen sitzen — die Forschung nennt das einen mating ball —, in seltenen Fällen ertrinkt das Weibchen darunter.

Das gepaarte Tier ist am Zaun unverkennbar: Es ist deutlich größer (das Weibchen ist immer das untere Tier), zieht langsamer, und hat zwei Kopfprofile übereinander. Wer es trägt — eine Tätigkeit, die zum Krötenzaun-Dienst gehört —, kann das Paar als Ganzes über den Zaun heben und auf der Wasserseite absetzen. Niemals trennen.

Der Krötenzaun — Aufbau und Wartung

Ein Krötenzaun ist kein Zaun im üblichen Sinn. Er ist eine vertikale Folie oder Kunststoffwand, fünfzig Zentimeter hoch, mit dem unteren Rand drei bis fünf Zentimeter im Boden eingegraben, an der Oberseite zur Wanderseite hin um fünfzehn Zentimeter umgeknickt (Überhang, damit Kröten nicht hochklettern). Davor — auf der Wanderseite — sind in regelmäßigen Abständen Eimer eingegraben, die als Fallen dienen. Die Kröte stößt an die Folie, läuft daran entlang, fällt in den Eimer.

Praktisch:

  • Pfostenmaterial: Holzpfähle oder Glasfaserstäbe, alle zwei Meter. Tackerklammern für die Folie.
  • Folienmaterial: Kötergewebe-Folie, mindestens 0,3 mm stark, glatt (nicht texturiert — Kröten klettern texturierte Oberflächen hoch).
  • Eimer: Zehn-Liter-Eimer, vollständig versenkt, der Rand bündig mit der Bodenoberkante. Im Eimer ein feuchter Laubrest und ein Stein als Versteckmöglichkeit — Kröten in einem leeren Eimer überhitzen tagsüber und sterben.
  • Abstand der Eimer: Alle zehn Meter, an Knickpunkten dichter.

Wartung: Die Eimer müssen morgens — vor Sonnenaufgang, idealerweise zwischen sechs und sieben Uhr — kontrolliert werden, die Tiere gezählt, geschlechtsbestimmt, vermessen (Kopf-Rumpf-Länge mit Schieblehre), und auf der Wasserseite ausgesetzt. Die Daten werden in eine Strichliste übertragen, am Saisonende an die zuständige Naturschutzbehörde oder die regionale Amphibienschutzkoordination weitergegeben.

Ein Krötenzaun ist eine logistische Verpflichtung. Vier Wochen lang muss jeden Morgen jemand vor der Arbeit die Strecke ablaufen. In Regenwochen können die Eimer hundert Tiere enthalten, was eine halbe Stunde Arbeit bedeutet. Ohne Team — mindestens drei Personen, die sich abwechseln — ist die Sache nicht zu leisten.

Was am Laichgewässer geschieht

Erreichen die Kröten das Wasser, beginnt das Laichgeschehen. Das Weibchen legt zwei bis fünf Meter lange Laichschnüre ab — typisch für die Gattung Bufo, im Gegensatz zu den klumpigen Laichballen des Grasfrosches —, in denen die Eier in zwei oder drei Reihen aufgereiht sind. Eine Schnur enthält drei- bis sechstausend Eier. Das Männchen besamt sie direkt beim Ablaichen.

Die Laichschnüre werden um Wasserpflanzenstängel gewickelt — Rohrkolben, Schilf, Wasserstern — und sinken nicht ab. Sie sind extrem widerstandsfähig gegen Frost und Räuber:innen; die Larven schlüpfen nach etwa zehn bis vierzehn Tagen, je nach Wassertemperatur. Die Larven der Erdkröte sind klein, schwarz, lichtaktiv (sie schwimmen tagsüber in Schwärmen an der Oberfläche) und enthalten Bufotalin-Vorstufen, die sie für die meisten Fressfeinde unattraktiv machen.

Die Erwachsenen verlassen das Laichgewässer nach wenigen Tagen wieder. Bis spätestens Ende April sind die Wandernächte am Zaun vorbei. Zurück in den Wald — diesmal ungerichtet, einzeln, im Sommer dann nur noch in der Dämmerung am Boden zu sehen.

Die Bedrohung

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Erdkröte in Mitteleuropa keine sichere Art ist. Im aktuellen Roten-Liste-Status für Deutschland — Stand 2025 — wird sie als „ungefährdet” geführt, aber mit deutlich rückläufigen Trends. Die Hauptursachen sind: Straßenmortalität ohne Schutzzäune, Trockenlegung von Laichgewässern, der Verlust strukturreicher Wanderkorridore in der Agrarlandschaft. Der Krötenzaun ist ein kleines, regionales Werkzeug gegen einen großen, strukturellen Verlust. Er ersetzt keinen Lebensraumschutz. Aber er rettet die Tiere, die er rettet — und das sind in einer guten Saison tausend.

Ende April, als die letzten Kröten am Tümpel angekommen waren, lag eine merkwürdige Stille über dem Wald. Der Zaun wurde abgebaut, die Eimer ausgegraben, die Folie aufgerollt. Die Daten an die Behörde geschickt. Ein Jahr ist eine andere Sache, wenn man es so verbracht hat.


Ressort: Amphibien