Editio Domini · MMXXVI

TÜMPEL

Magazin für Gartenbiologie, Teich und Feuchtgebiet


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Insekten · 12min

Sechs häufige Großlibellen am Gartenteich — ein Bestimmungs-Vademecum

Plattbauch, Vierfleck, Große Pechlibelle, Hufeisen-Azurjungfer, Blaue Federlibelle, Großer Blaupfeil — wer diese sechs kennt, hat die Mehrheit der mitteleuropäischen Gartenteich-Libellen erfasst. Mit Kennzeichen, Flugzeit und Beobachtungs-Notizen.

Viktorianische Insektenkabinett-Tafel mit sechs aufgesteckten Libellen in Glasrahmen
— Viktorianische Insektenkabinett-Tafel mit sechs aufgesteckten Libellen in Glasrahmen —

Libellen sind die unfreiwilligen Aushängeschilder der Biodiversität am Gartenteich. Sie sind groß, sie sind farbig, sie fliegen tagsüber, sie tun nichts, was Menschen unangenehm wäre. Das Resultat: Selbst Gartenbesitzer:innen, die sonst kaum eine Wildbiene von einer Schwebfliege unterscheiden, wissen, ob am ihrem Teich „diese großen blauen” vorkommen oder nicht.

Was sie weniger wissen: dass es in Mitteleuropa nicht eine große blaue Libelle gibt, sondern mindestens vier. Und dass die Bestimmung mit etwas Übung ohne Netz, ohne Foto und ohne wissenschaftliche Lupe möglich ist — wenn man auf die richtigen Merkmale schaut.

Diese sechs Arten machen, je nach Region und Teichalter, achtzig bis neunzig Prozent der Großlibellen-Beobachtungen an mitteleuropäischen Gartenteichen aus. Wer sie verlässlich unterscheiden kann, ist im Bestimmungs-Alltag durch.

Eine Vorbemerkung zur Systematik

Bevor wir loslegen: „Großlibelle” ist im Deutschen ein zusammengezogenes Wort für zwei verschiedene Dinge. Die zoologische Klassifikation kennt die Ordnung der Libellen (Odonata), darin zwei Unterordnungen: die Großlibellen (Anisoptera, dazu Plattbauch, Vierfleck, Großer Blaupfeil) und die Kleinlibellen (Zygoptera, dazu Pechlibelle, Federlibelle, Azurjungfer). Beide werden im Volksmund „Libellen” genannt; einige der häufigsten am Gartenteich gehören zur kleineren Unterordnung. Wir behandeln in dieser Übersicht beide Gruppen, weil ein Teich mit guter Strukturierung Vertreter:innen aus beiden beherbergt.

Großlibellen halten die Flügel in Ruhestellung waagerecht ausgebreitet. Kleinlibellen falten sie über den Körper. Das ist das einfachste Unterscheidungsmerkmal. Wer es im Auge hat, hat schon halb bestimmt.

I. Plattbauch — Libellula depressa

Der Plattbauch ist die Pionierin neuer Gartenteiche. Im ersten oder zweiten Jahr nach Anlage ist er fast immer die erste Großlibelle, die einfliegt — oft, bevor irgendetwas anderes da ist. Das hat mit seiner ökologischen Strategie zu tun: Er sucht aktiv junge, vegetationsarme Gewässer, weil dort die Konkurrenz für seine Larven gering ist.

Kennzeichen: Auffällig flacher, breit ausgeschlagener Hinterleib. Männchen: hellblau bereiftes Abdomen, mit gelblichen Seitenflecken am Rand. Weibchen: ockergelb bis bräunlich, ähnlicher Körperbau. Beide Geschlechter haben an der Flügelbasis einen dunkelbraunen, fast schwarzen Fleck — diagnostisch.

Flugzeit: Anfang Mai bis Anfang August, mit Hauptaktivität im Juni.

Verhalten: Sehr revier-treu. Männchen sitzen an festen Ansitzwarten (oft ein Stängel über dem Wasser) und stürzen sich auf vorbeifliegende Insekten — sowohl Beute als auch Konkurrenten. Wenn ein Männchen einen Ansitz verlässt und kurz darauf zurückkehrt, ist es fast immer dasselbe Individuum.

Beobachtungs-Tipp: Ein Plattbauch-Männchen, das in der Sonne sitzt, dreht den Hinterleib gelegentlich in einer Vertikalstellung — die sogenannte „Obeliskhaltung” — um die direkte Sonneneinstrahlung auf das Abdomen zu reduzieren. Wenn man das einmal gesehen hat, erkennt man die Art aus zwanzig Metern.

II. Vierfleck — Libellula quadrimaculata

Der Vierfleck wirkt auf den ersten Blick wie ein bräunlicher, unscheinbarer Verwandter des Plattbauchs. Er ist es in gewisser Hinsicht auch — dieselbe Gattung. Aber er hat ein Merkmal, das ihn unverwechselbar macht.

Kennzeichen: Brauner, schlanker Hinterleib (nicht abgeflacht wie beim Plattbauch). An der Flügelbasis dieselben dunklen Flecken, aber zusätzlich auf der Mitte jedes Flügels — am sogenannten Nodus — ein dunkler Fleck. Vier Flügel, vier zusätzliche Flecken: daher der Name. Manchmal tritt eine Form mit zusätzlichen schwarzen Längsstreifen auf, die praenubila.

Flugzeit: Mai bis August. Phänologisch sehr ähnlich zum Plattbauch.

Verhalten: Im Gegensatz zum revier-strengen Plattbauch ist der Vierfleck der Wandervogel unter den Mitteleuropäischen Großlibellen. In manchen Jahren kommt es zu Massenwanderungen über hundert Kilometer und mehr; einzelne Tiere wurden über die Ostsee fliegend nachgewiesen. Wer im Mai plötzlich zwanzig Vierflecke an seinem Teich hat, die er am Vortag noch nicht gesehen hat, hat einen solchen Schwarm erwischt.

Beobachtungs-Tipp: Bei der Bestimmung im Flug auf die Vierergruppe der Flecken achten. Sie ist bei den meisten Arten der Gattung nicht vorhanden und macht den Vierfleck zur einzig sicher fliegend bestimmbaren Großlibelle der Gattung.

III. Großer Blaupfeil — Orthetrum cancellatum

Der Große Blaupfeil ist die Libelle, die in vielen Teichbüchern fälschlich als „die” blaue Großlibelle abgebildet wird. Er ist tatsächlich die häufigste hellblaue Großlibelle Mitteleuropas — aber er sieht beim älteren Männchen anders aus als beim jungen, und Verwechslungen mit dem Plattbauch sind häufig.

Kennzeichen: Männchen: schmaler, gleichmäßig hellblau bereifter Hinterleib (nicht abgeflacht), Brust ohne Bereifung, dunkel olivgrün bis schwarz. Im Gegensatz zum Plattbauch keine dunklen Flecken an der Flügelbasis — die Flügel sind glasklar mit dunkel gestreiftem Flügelmal. Weibchen: gelblich-grün mit dunkler Längszeichnung, wirkt fast wie eine Wespe.

Flugzeit: Mitte Mai bis Anfang September. Längere Saison als Plattbauch und Vierfleck.

Verhalten: Der Große Blaupfeil ist der Inbegriff der „patrouillierenden” Libelle. Männchen fliegen in regelmäßigen Linien über die Wasseroberfläche, sehr nah am Wasser, oft nicht höher als zwanzig Zentimeter. Sie landen weniger oft als der Plattbauch, dafür sind die Flüge länger.

Beobachtungs-Tipp: Der Blaupfeil hat einen wahrnehmbar anderen Flugklang als der Plattbauch — schneller, härter, mit deutlicheren Richtungswechseln. Ohren sind beim Bestimmen oft präziser als Augen.

IV. Große Pechlibelle — Ischnura elegans

Mit der Pechlibelle wechseln wir zu den Kleinlibellen. Sie ist die mit Abstand häufigste Kleinlibelle an Gartenteichen — in den meisten Beobachtungs-Notizen führt sie die Häufigkeitstabelle an. Sie ist auch die robusteste, kommt mit nährstoffreichen, leicht trüben Gewässern zurecht und ist in oft als erste Kleinlibelle am neu angelegten Teich präsent.

Kennzeichen: Männchen: dunkler, fast schwarzer Hinterleib, das achte Hinterleibssegment leuchtend blau („blauer Ring am sonst dunklen Stab”). Weibchen: tritt in mehreren Farbformen auf — orange, grün, blau —, oft mit deutlicher schwarzer Längszeichnung. Beide Geschlechter sind klein, etwa dreißig bis fünfunddreißig Millimeter Körperlänge.

Flugzeit: Anfang Mai bis Mitte September. Sehr lange Saison.

Verhalten: Sitzt häufig an niedrigen Halmen am Teichrand, oft in Paarungs-Tandems (Männchen vorn, hält das Weibchen am Hinterkopf). Die Paarung in Herzformhaltung ist eines der ikonischsten Libellen-Bilder überhaupt.

Beobachtungs-Tipp: Das achte Hinterleibssegment ist der diagnostische Punkt. Wer die blaue Markierung beim Männchen einmal verinnerlicht hat, erkennt die Art aus drei Metern.

V. Hufeisen-Azurjungfer — Coenagrion puella

Eine weitere blaue Kleinlibelle, oft mit Pechlibellen verwechselt. Die Azurjungfer ist heller, gleichmäßig hellblau, und hat — daher der Name — auf dem zweiten Hinterleibssegment eine schwarze Zeichnung in Hufeisenform.

Kennzeichen: Männchen: durchgehend hellblauer Hinterleib mit unregelmäßigen schwarzen Querbinden auf jedem Segment, am zweiten Segment die Hufeisenform. Weibchen: meist hellblau-grünlich mit kräftigerer schwarzer Zeichnung; eine seltene blaue Weibchen-Form (homöochrom) existiert.

Flugzeit: Anfang Mai bis Ende August.

Verhalten: Bildet manchmal große Schwärme am Teichrand, sitzt zwischen Schilf und Wasserstern. Patrouilliert weniger aktiv als der Blaupfeil, aber häufiger als die Pechlibelle.

Beobachtungs-Tipp: Wer am zweiten Segment die Hufeisenzeichnung erkennt, hat es. Wenn diese Zeichnung mehr wie ein „U” als wie ein Hufeisen aussieht (also ohne den Querstrich oben), handelt es sich vermutlich um die Verwandtschaftsart Becher-Azurjungfer (Enallagma cyathigerum) — bei dieser fehlt der schwarze Verschluss-Strich am oberen Hufeisenrand.

VI. Blaue Federlibelle — Platycnemis pennipes

Die Federlibelle ist eine ungewöhnliche Erscheinung: Sie sieht aus wie eine Kleinlibelle, ist es auch, aber sie hat verbreiterte Tibien (Schienen) an den mittleren und hinteren Beinpaaren, die — von der Seite gesehen — wie weiße, gefiederte Plättchen wirken.

Kennzeichen: Männchen: hellblau bis grünlich-weißlich, deutlich heller als andere Kleinlibellen. Hinterleib mit feinen schwarzen Linien. Die verbreiterten Beinplättchen, im Sonnenlicht sichtbar, sind unverwechselbar. Weibchen: blass beigegrün, dieselbe Beinstruktur.

Flugzeit: Mitte Mai bis Ende August.

Verhalten: Sitzt auf Schwimmpflanzen — Hechtkraut, Wassersalat, Schwimmfarn — und auch auf Schwimmblättern der Seerose. Patrouilliert wenig, lässt sich oft minutenlang beobachten.

Beobachtungs-Tipp: Die Beinplättchen sind die diagnostische Sicht. Bei Sonnenlicht aus dem richtigen Winkel reflektieren sie weißlich; die Libelle wirkt dann, als trüge sie an jedem Bein eine kleine Feder.

Wie man ohne Netz bestimmt

Drei Praxis-Hinweise zum Schluss.

Erstens, die Haltung der Flügel in Ruhestellung ist das schnellste Merkmal. Ausgebreitet horizontal: Großlibelle. Über dem Körper zusammengefaltet: Kleinlibelle. Das halbiert das Bestimmungsspektrum in Sekunden.

Zweitens, die Flügelflecken sind das wichtigste Merkmal bei den Großlibellen. Plattbauch und Vierfleck haben Flecken, Großer Blaupfeil nicht. Bei flügelfleckenfreier Großlibelle: an Hinterleibsform und Färbung weitergehen.

Drittens, die Bestimmung am Foto ist verlockend, aber tückisch. Viele Libellenarten ändern ihre Färbung über Tage hinweg — frisch geschlüpfte Tiere sind blass und bekommen erst nach einer Woche ihre volle Farbe. Wenn ein Bild „nicht passt”, liegt das oft an einem juvenilen Tier, nicht an einer anderen Art. Im Zweifel zwei Wochen warten, dieselbe Stelle wieder besuchen.

Wer diese sechs Arten verlässlich erkennt, hat die Libellenfauna eines typischen mitteleuropäischen Gartenteichs zu siebzig Prozent abgedeckt. Die restlichen dreißig Prozent — Heidelibellen, Edellibellen, Mosaikjungfern — kommen mit dem Teich-Alter. Sie sind das Versprechen der späteren Jahre.


Ressort: Insekten